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Das Netz als Klammer des Balkan
- Die Kunst sucht nach Wegen gegen das Auseinanderdriften / Krieg als das beherrschende Thema
- von Tina Heidborn
- 29.11.2000
- Tageßpiegel Berlin, Deutschland
- http://195.170.124.152/archiv/2000/11/28/ak-in-10902.html
"Wenn ich mit neürer Technik beßere Kunst
machen würden, wäre ich ein schlechter
Künstler", sagt Igor Stromajer und guckt
kampfeslustig. Sein Haar ist kurz rasiert, seine
Sonnenbrille schmal und sehr dunkel, an
seinen Fingern schimmern Ringe. Der
31jährige paßt in das Bild der modernen
Internet-Szene, seit 1996 ist er mit Seiten im
Netz präsent. Nicht mit dem neüsten
Computer, aber seine Außtattung reicht, wie er
sagt. "Genug Technik, um gute Kunst im Netz
zu machen".
Igor Stromajer kommt aus Slowenien und hat
seine Werke beim dritten Mediaterra
Festival in Athen gezeigt. Denn das Fest (3.
bis 9. November), das das einzige
griechische Zentrum für neü Medienkunst
organisiert hat, bemüht sich besonders um
eine Verknüpfung der Balkan-Länder. Igor
Stromajer aber ist längst in der
internationalen Gemeinschaft der
Medienfestival-Reisenden zuhause: Von der
Transmediale über Dresden, Moskau bis nach
Österreich und Übersee gern gesehen
und nicht selten ausgezeichnet.
Wer Medienkunst machen will, braucht Medien,
Technologie also. Medien-Zentren sind
in den letzten fünf Jahren auf dem gesamten
Balkan entstanden, stets in den
Hauptstädten und finanziell angeschoben mit
einer Stiftungsinitiative speziell für Länder
des ehemaligen Ostblocks. Diese Zentren näher
zu verknüpfen - dafür sind ihre Vertreter
allesamt nach Athen angereist, nur der
serbische Gast, ein Mitglied der Künstlergruppe
Zadruga, hat sich angesichts der aktüllen
Entwicklung entschuldigen laßen.
Vorreiter Slowenien hat gleich zwei
Einrichtungen, eines in der Hauptstadt Ljubljana,
und ein größeres in Maribor. Beide stellen
nicht nur den Zugang ins Internet zur
Verfügung, sondern auch Scanner, Kameras,
digitale Schnittplätze als Arbeitsmaterial
für Künstler. Igor Stromajer ist mit der
Förderung durch das slowenische
Kulturministerium hoch zufrieden. "Man muß
möglichst viele Menschen an den neün
Medien teilhaben laßen", sagt er. Es gebe so
viele schlechte Maler, warum solle es
nicht auch mehr schlechte Web-Künstler geben?
Er schaut schon wieder provozierend.
Die Jugend begeistert sich für Internet und
Medienkunst - das erzählen alle der in Athen
versammelten Zentrumsvertreter. Auch wenn die
Außtattung mit Computern und die
landesweiten Telefonnetze längst nicht
überall so gut sind wie in Slowenien, viele der
jungen Leute in den großen Städten könnten
mithalten, betont zum Beispiel Irina Cios
aus Rumänien. Und schränkt gleich ein: "Wir
haben Künstler, die auf internationale
Festivals eingeladen werden. Und gleichzeitig
gibt es Menschen in Rumänien, die noch
nie vom Internet gehört haben".
Dies extreme Auseinanderdriften von Alt und
Jung, von Stadt und Land sei typisch für die
Situation auf dem Balkan. Das bosnische
Zentrum gehört zu den jüngsten auf dem
Balkan, offiziell eröffnet im April 1999.
"Internet vor ein paar Jahren?", fragt Amra Baksic
zurück. "Im Krieg gab es kein Waßer und
keine Elektrizität in Sarajevo". Dann sagt sie:
"Aber wir haben die Entwicklung in den
letzten fünf Jahren nachgeholt". E-Mailing sei seit
dem Krieg immer wichtiger geworden. "Nicht so
wichtig wie in Serbien natürlich", sagt
die junge Frau, "wo das Internet vielen
Oppositionellen den Kontakt nach außen
sicherte". Wichtig aber, um mit jenen privat
zu kommunizieren, die emigriert sind. "Nach
London oder in die Staaten zu telefonieren,
ist für viele zu teür. Man mailt", sagt Amra
Baksic.
Zumindest dort in den größeren Städten des
Landes, wo es Internet-Cafes gibt, und vor
allem in Sarajevo. 80 Prozent der Einwohner
hier, sagt Amra Baksic, seien Flüchtlinge
aus anderen Teilen des Landes. Sie ist Mitte
zwanzig, die Künstler, die sie betreut, sind
oft noch viel jünger. An den bosnischen
Videos, die auf dem Athener Festival gezeigt
werden, läßt sich die technische Entwicklung
leicht ablesen: Von den ersten fast
ungeschnittenen Kurzfilmen, die 1996
entstanden, bis hin zu digital aufbereiteten
Seqünzen der letzten beiden Jahre.
Beinahe in allen Arbeiten, so meint man, sind
Reflexe auf den Krieg zu entdecken. Auch
bei der Installation, mit der der Mazedonier
Dejan Spasovic auf dem Festival vertreten ist,
fällt es schwer, sie nicht im Kontext der
politischen Situation auf dem Balkan, der Kriege
und Vertreibungen der letzten Jahre zu lesen.
"Mißing sounds and mißing shadows"
ist ein Raum wie verlaßen, Möbel stehen
unter weißen Decken verpackt. Ein Schlüßel,
ein Fenster, ein altes Grammophon sind an die
Wände projeziert. Drückt man auf die
unauffälligen Knöpfe an der Wand, erklingen
ihre Geräusche: Ein Schloß knarzt, ein
Fenster wird zerbrochen. "Fyrom" steht an
seiner Installation. Fyrom ist die offizielle
griechische Bezeichnung für die
ex-jugoslawische Republik Mazedonien, denn den
Namen Mazedonien haben die Griechen für eine
eigene Provinz reserviert. Offiziell
kommt Dejan Spasovic beim Athener Festival
deshalb aus Fyrom, darauf legt das
griechische Kulturministerium als
Mitorganisator Wert.
Im nächsten Jahr, das beschließen die
Vertreter aller Balkan-Zentren auf dem Festival,
wollen sie ein gemeinsames Kunstprojekt
organisieren.
2000 © Tageßpiegel Online Dienste Verlag GmbH
http://www.tageßpiegel.de/
Tageßpiegel Berlin
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